Die Bürgerbeteiligung

Intensive Bürgerbeteiligung in Altusried - lange vor "Stuttgart 21" wurde hier damit begonnen

Intention, Bürgerbeteiligung und Bürgerinformation

Die Gemeindeverwaltung und der Altusrieder Gemeinderat haben kurz nach der Jahrtausendwende erste fundierte und aus seriösen Untersuchungen stammende Informationen über die negativen Auswirkungen von ungünstigen Ortsrandentwicklungen in anderen Kommunen erhalten. (Auf unserer Website www.mitten-in-altusried.de finden Sie unter »Links« Weblinks zu entsprechenden Studien). Ausschlaggebender Grund für die Beschäftigung mit dieser Thematik waren Anfragen von Betrieben, sich am Ortsrand – adäquat wie in anderen Orten – ansiedeln zu dürfen. Weitere Beweggründe sich mit dieser Entwicklungsfrage zu beschäftigen, war das Ziel Leerstände im Altusrieder Ortskern so gering als möglich zu halten und die Dauer der Leerstände zu verkürzen als auch der demographische Wandel. »Wir werden immer weniger und damit automatisch eine ältere Gesellschaft« – schon ab 2016 wird die Generation der über 60-Jährigen, die größte Bevölkerungsgruppe in Deutschland sein.


Die Erfahrung zeigt, dass Ortsrandentwicklungen oft schädlich sein können.

Sehr schnell kam aus diesen Studien und praktischen Erfahrungen der Kommunen die Erkenntnis, dass Ortsrandentwicklungen ein großer Trugschluss sind und einen hohen Preis auf Kosten eines lebendigen Ortskerns fordern. Vordergründig sollten die Ortsrandentwicklungen die Ortskerne von Verkehr, Lärm und Betriebsamkeit entlasten und den Besuchern und Kunden mit klaren Strukturen das Einkaufen und auch die Erledigung ihrer Geschäftsgänge erleichtern.

Oft verödeten die Ortskerne. Durch Aussiedlung und Neuansiedlung von Betrieben sowie verschärfte Wettbewerbssituationen nahmen die Leerstände im Ortskern laufend zu. An den Ortsrändern siedeln sich vordergründig größere überregionale Konzerne an und weniger die heimische mittelständische Wirtschaft. Ein schleichender Prozess. Die negativen Auswirkungen sind danach nur noch mit hohen finanziellen und einschneidenden strukturellen Mitteln über lange Zeit zu bekämpfen.


Ein lebendiges Zusammenleben von Jung und Alt geht verloren!

Dem Auszug und wettbewerbsbedingten Sterben der Geschäfte im Ortskern folgen erste Leerstände. Durch die Leerstände machen weniger Menschen ihre Besorgungen im Ort. Daraus folgen weniger Begegnungen der Menschen miteinander. Den wenigen Geschäften, die im Ortskern verbleiben, gehen immer mehr Kunden verloren, weil die Verbraucher in die geballten Ortsrandzentren strömen, um schnell und vermeintlich effizient ihre Geschäfte zu erledigen. Bietet der Ortskern auch eine lebendige Geschäftsvielfalt, dann können die Menschen dort mit einem Einkaufsgang effektiv ihre vielschichtigen Bedürfnisse befriedigen – nur in einer deutlich attraktiveren und gewachsenen Umgebung mit hohem sozialen Potenzial. Ein liebloser, hektargroßer Parkplatz vor den Toren eines Ortes bietet dies nicht.

 

Das Herz hört ein Stück weit auf zu schlagen!

Dem Verlust der Geschäfte folgt der Verlust der Menschen, der Begegnung, des Miteinanders, vor allem von Alt und Jung. Der Altusrieder Ortskern ist keineswegs so stabil und weit entwickelt, dass er dieser Ortsrandentwicklung Stand halten könnte. Unsere deutlich größeren Nachbarn Isny und Leutkirch kämpfen seit Jahren gegen das Ausbluten der Innenstädte. Das Herz hört ein Stück weit auf zu schlagen, wenn im Ortskern kein Lebensmittelvollsortimenter mehr vorhanden ist. Herr Thomas Feneberg von der Firma Feneberg hat bei einem Gespräch mit dem Altusrieder Gewerbeverein am 20. Mai 2012 deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Feneberg am jetzigen Standort aufgrund der beengten Verhältnisse auf Dauer nicht wirtschaftlich und zeitgemäß arbeiten kann. Die Firma Feneberg sieht eine Zukunft im Ortskern von Altusried nur dann, wenn ein attraktiver Standort für einen Lebensmittelmarkt gefunden wird. Den Standort hinter dem Rathaus beurteilt die Firma Feneberg als positiv.

 

Flächensparende Siedlungsentwicklung und qualitative Innengestaltung!

Umgekehrt folgen Geschäften weitere Geschäfte und diesen wiederum folgen die Menschen. Zwingend notwendig eben nicht am Ortsrand, sondern lebendig, in gewachsenen Strukturen, örtlich, mittelstandsgeprägt in der eigenen Ortsmitte. Die Magnetwirkung, die ein qualitativ hochwertiger Lebensmittelmarkt als erstes wichtiges Puzzle in der Dorfentwicklung in Altusried spielt, wird kurzfristig zu spüren sein: Es besteht die Chance, dass sich im Umfeld weitere – vordergründig heimische, da überregionale Konzerne viel unflexibler mit diesen Strukturen umgehen können – Geschäfte ansiedeln und für wichtige Impulse sorgen.

 

Geschäften folgen Geschäfte und Menschen folgen Menschen, in beiderlei Richtungen.

Unser Innerortskonzept ist ein Stück weit auch die regionale Antwort auf zunehmend globalisierte Strukturen im Wirtschaftsleben. Wir Bürgerinnen und Bürger gestalten mit unserer heimischen Wirtschaft unseren Ort selber und überlassen diese Gestaltungsarbeit nicht überregionalen und internationalen Konzernen mit schädlichen »Grüne-Wiese Konzepten« vor den Toren von Altusried.

 

Die Spielregeln für eine Ansiedlung sollten wir Altusrieder selbst festlegen!

Leerstände bedeuten meist sinkende Immobilienpreise, Unattraktivität, den Verlust von gesellschaftlichem Leben, Still-stand und Rückschritt. Ortsrandentwicklungen bedeuten ungleich höhere Inanspruchnahme wertvoller Naturräume und landwirtschaftlicher Flächen. Die Kosten für eine Gemeinde Flächen für eine Ortsrandentwicklung zu erwerben und zu erschließen sind ungleich höher.

 

Innerortsentwicklung bedeutet Kosten sparen

Diese Entwicklungen zu spät zu erkennen hat fatale Auswirkungen auf jetzige und zukünftige Generationen. Um diesen negativen Trend der ausschließlichen Ortsrandentwicklung zu verlangsamen, zu stoppen und wieder in einen positiven Prozess umzukehren, bedarf es gewaltiger finanzieller, struktureller und gesellschaftlicher Ressourcen. Die Betroffenheit der Bürger ist umso größer, die Zeitdauer umso länger als wenn man diesen Prozess sauber strukturiert und professionell vorbereitet begonnen hätte. Man ist in dieser Phase beim Reparieren und nicht mehr beim aktiven Gestalten.

Leider müssen bundesweit viele Orte aktuell diesen schmerzlichen Weg gehen. Eine ortsnahe Siedlungsentwicklung ist erwiesenermaßen kostengünstiger, sozialer und ökologischer und berücksichtigt den demographischen Wandel. Altusried kann sich diesen schmerzlichen Weg ersparen.

 

Nutzen wir gemeinsam die Chance zur Gestaltung!

Innerörtliche »Marktplätze« sind vor allem von Vorteil für Jugendliche und ältere Menschen und fördern das Miteinander der Generationen. Zu diesem Gestalten haben wir jetzt noch alle Möglichkeiten. Altusried hat bislang noch keine Ortsrandentwicklung und somit alle Chancen auf eine für uns Bürgerinnen und Bürger gesunde, nachhaltige und zukunftsorientierte Entwicklung im Ortskern. Das spart enorme Folgekosten, schafft reges Wirtschaftsleben und sorgt für Einnahmen auf allen Seiten. Die Interessen der Menschen und der heimischen Wirtschaft bleiben gewahrt.

 

Ohne den Bürger geht es nicht!

Da diese Strukturentwicklung im verdichteten, über Jahrhunderte gewachsenen Ortskern stattfindet, sind Konfliktpotenziale von vorneherein zu erwarten: Es werden Bürgerinnen und Bürger auf vielen Ebenen unterschiedlich betroffen sein. Entscheidend ist eine saubere Abwägung aller Belange, das bestmögliche Abpuffern negativer Auswirkungen für von Maßnahmen betroffene Bürgerinnen und Bürger und dabei immer das Allgemeinwohl für alle Gemeindebewohner im Mittelpunkt zu belassen.

 

Aktive Bürgerbeteiligung von Anfang an – lange schon vor »Stuttgart 21«!

Im Jahr 2002 wurde im Rahmen des Leader-Prozesses ein Entwicklungskonzept für Altusried und die Ortsteile durch Bürger und den Gemeinderat entwickelt. Im Juli 2003 wurde der Gemeinde-Entwicklungsverein Altusried e.V. (GEVA) gegründet, welcher sich in den Folgejahren intensiv im Arbeitskreis »Infrastrukturverbesserung im Innenbereich« mit dem Thema Innerortsentwicklung beschäftigt hat. Es wurden Konzepte (Lebensmittelmarkt, lebendiger Marktplatz) erarbeitet, Fachvorträge über die Entwicklung ländlicher Räume veranstaltet. In Folge dieser Aktivitäten wurde von der Gemeinde ein Strategie-Prozess bereits im September 2005eingeläutet.

 

Die Bildung des Bürgerteams

Das aus der Gesamtgemeinde stammende Bürgerteam hat nicht nur den Auftrag sich mit der Innerortsentwicklung von Altusried, sondern auch mit der Entwicklung der Ortsteile und weiteren übergreifenden Themen zu beschäftigen.

Den Auftakt für die Arbeit des Bürgerteams stellte eine erste Versammlung in Kimratshofen im Jahr 2006 dar. Zu dieser Versammlung wurde öffentlich unter Nennung des Versammlungsgrundes und der Ziele des Bürgerteams eingeladen. Etwa 150 Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung und brachten nach der Einführung in die Thematik ihre Wünsche und Äußerungen ein. Es wurde z.B. ein Radwegenetz zwischen den Ortsteilen, der Erhalt der Landwirtschaft aber auch der Wunsch nach einem lebendigen Ortskern mit einem attraktiven Marktplatz in Altusried mehrfach gefordert. 27 Frauen und Männer (hauptsächlich aus Altusried und Kimratshofen) erklärten sich bereit, das Bürgerteam zu bilden und den Gestaltungsprozess zu begleiten. Das ist aktiv gelebte Bürgerbeteiligung.

 

Die Themen des Bürgerteams

Neben der Innerortsentwicklung wurden die weiteren Themenkomplexe wie familien-, jugend- und seniorenfreundliche Gemeinde, bezahlbarer Wohnraum, Arbeitsplätze vor Ort, gute Einkaufsmöglichkeiten, Ausbildungsplatzangebote, fußläufige Versorgungsmöglichkeiten, Erhalt der Grundversorgung im Ortskern Altusried, Erhalt und Stärkung der Gewerbestrukturen, Erhalt der guten Gesundheitsversorgung, Erhalt der Wohn- und Lebensqualität, Erhalt des spezifischen Charakters als auch der Identität der Gemeinde und der Ortsteile, verbessertes Angebot für Senioren, Erhalt der Landwirtschaft, Naturhaushalt, Ökologie, Landschaftsbild, weitere Entwicklung der Ortsteile, Weiterentwicklung vorhandener Strukturen, in zahlreichen Sitzungen behandelt. Die Zwischenergebnisse dieses Bürgerteams wurden dem Gemeinderat vorgestellt und diskutiert sowie im amtlichen Mitteilungsblatt darüber berichtet. Viele Wünsche, welche im Rahmen der Sitzungen erarbeitet wurden, sind mittlerweile erfolgreich umgesetzt, z.B. das Dorfgemeinschaftshaus Muthmannshofen, die »Alte Schule« in Kimrathofen, die Radwege usw.

 

Laufende Information der Gemeinde

Im amtlichen Bekanntmachungsblatt wurde über alle Gemeinderatsbeschlüsse, über die Arbeit des Bürgerteams, die zahlreichen Sitzungen und über die laufenden Entwicklungsschritte in den vergangenen Jahren umfangreich berichtet, um die gesamte Gemeinde zu informieren.

 

Den Bürgern der Gesamtgemeinde verpflichtet

GEVA, Bürgerteam und der Gemeinderat im Besonderen sind den Bürgerinnen und Bürgern der Gesamtgemeinde, dem Allgemeinwohl und den zukünftigen Generationen verpflichtet. Konkrete, themen- und projektbezogene Sachpolitik steht im Vordergrund.

Sämtliche Entscheidungen zur Ortsentwicklung wurden in den vergangenen Jahren mit jeweils großer Mehrheit im Marktgemeinderat getragen. Aus diesem Grund wurde jetzt auch das Ratsbegehren beschlossen, um über das ganzheitliche Konzept »Innerortsentwicklung« abstimmen zu lassen.

Alle Entscheidungen wurden und werden vor dem Hintergrund der Sicherung der Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger, Sicherung der nachhaltigen Attraktivität des Lebens- und Wohnortes und der Verbesserung der finanziellen Situation der Gemeinde gefällt, damit jetzige und zukünftige Generationen ihre Gemeinde Altusried weiterhin als »liebens- und erlebenswert« vorfinden.